Klavierunterricht

Das Puzzle

Jedes Jahr, wenn ich mit meinen Kindern meine Eltern in Spanien besucht habe, hat uns meine Mutter ein paar Puzzles geschenkt. Eins haben wir über die zwei Wochen gemeistert, die anderen haben sich über die Jahre im Kinderzimmer gestapelt. Als Kind liebte ich es zu puzzeln. Um den Tod meiner Mutter zu verarbeiten, habe ich eines der Puzzles hervor genommen und begann zu puzzeln. Ein im Mondlicht galoppierender Schimmel.

Auf einmal begann ich in Gedanken zu philosophieren. Ich verglich Puzzeln mit dem wahren Leben. Ich realisierte, wie das Leben einst war und was wir über die Jahre nach und nach verlernt haben. Der Spass am Puzzeln ist das Tun. Stück für Stück arbeiten wir uns voran. Wir beginnen mit den Randstücken, gehen über zu den offensichtlichsten Stellen und arbeiten uns nach und nach zu den schwierigsten Bereichen vor. Steht man kurz vor den letzten Teilen, ist man im Konflikt zwischen Freude, es geschafft zu haben, und Schwermut, dass der Spaß nun gleich zu Ende ist. Das Ergebnis ist beim Puzzeln eher zweitrangig, denn das Puzzeln selbst ist das, worauf es ankommt.

Als Kind und junger Erwachsener hat man sein Leben gepuzzelt. Man hatte Träume und Ziele und man hat sich Stück für Stück voran gearbeitet. Wir begannen mit einfachen Puzzles, wir setzten große bunte Puzzlestücke zusammen. Nach und nach folgten mehr Teile. Wir hatten Zeit, puzzelten aus Spaß, ohne Zeitdruck, wir lebten in den Tag hinein. Ab 20 begann das detailreiche Puzzle des Lebens. Wir konnten noch wild in der Kiste rumwühlen und nach und nach fand man ein Teil nach dem anderen. Freunde, erfolgreicher Job, die große Liebe, Heirat, Kinder, eigenes Zuhause. Geschafft, das Bild war vollendet, alles erreicht.

Nun begann ein schlichteres Puzzle. Vielleicht gab es noch ein zwei Details, an denen man gut arbeiten konnte, doch dann folgten die großen eintönigen Farbflächen. Schlichtes in der Kiste wühlen und nach Details suchen war auf einmal nicht mehr möglich. Man verlor sich in der Eintönigkeit. Mit welchem Ton sollte man beginnen? Hellblau, Dunkelbau, Schwarz? Lange versuchen wir vergebens in der Kiste rumzuwühlen. Vielleicht finden wir ja doch noch irgendein Detail, das uns weiter hilft. Doch nichts. Wir versuchen Ordnung zu schaffen, legen die Teile fein ordentlich hin. Doch wie nun weiter? Im wahren Leben beginnt hier der Moment, wo wir endgültig verlernt haben zu puzzeln. Wir blicken auf die vielen Puzzleteile und sehen nur noch ein großes Chaos. Wir sind überfordert, wollen nur, dass das Puzzle fertig wird, in der Hoffnung, dass das nächste Puzzle wieder einfacher wird. Die Jahre davor, lebten wir im Vollgasmodus. Wir hatten Energie und wir wollten jedes Detail schnellst möglich erledigen. Doch nun sind wir müde, erschöpft, manche Menschen nah an Burnout.

Ich habe realisiert, dass wir wieder lernen müssen zu puzzeln. Dass wir begreifen, dass das Ergebnis uns meistens am Ende nicht glücklicher machen wird, dass wir uns Ziele setzen, die eigentlich gar nicht so wichtig, vielleicht nicht einmal nötig sind. Wir brauchen Träume und Ziele, aber das Wichtigste ist, dass wir, wie beim Puzzeln, uns Stück für Stück voran arbeiten. Die Details der einzelnen Stücke nicht außer Acht lassen. Die kleinen Details sind die Dinge im Leben, die uns glücklich machen. Wenn wir nicht das große ganze betrachten, sondern die Details der Puzzlestücke, finden wir nach und nach auch die passenden Teile und auf einmal, fügen sich auch die großen einfarbigen Flächen zusammen, und die Freude darüber ist größer als das Endergebnis.

Genauso lege ich allen ans Herz, das Erlernen eines Instruments als großes Puzzlespiel zu betrachten. Es ist ein nicht endender Prozess. Wer nur als Ziel hat, ein fertiges Stück zu spielen, wird sehr schnell die Freude dran verlieren, denn mit diesem Gedanken, ist Üben nur das Übel, welches dazu dient irgendwann den ersehnten Erfolg zu haben, der vielleicht nie eintritt, weil wir davor frustriert aufgeben. Stattdessen sollte das Ergebnis zweitrangig sein. Wir sollten Freude haben, an 8 Takten zu arbeiten, bis wir sie im Schlaf können, bevor wir zu den nächsten Takten übergehen, egal, ob dies 1 Tag, 5 Tage oder zwei Wochen dauert. Wir sollten Freude an einer Tonleiter haben, den Sinn und Zweck darin erkennen. Wie beim Puzzeln, sollte das Tun im Vordergrund stehen, ohne Druck sollten wir uns an den kleinen Erfolgen erfreuen und uns Stück für Stück voran arbeiten.

Ich sehe es als einen wichtigen Teil meines Klavierunterrichts, in einer Welt, die von Erfolg und Druck geprägt ist, den Schülern genau diese Freude am Klavierspiel beizubringen. Wie bei einem Puzzle freue ich mich natürlich, wenn ein Schüler ein Stück gemeistert hat, doch viel wichtiger für mich ist der Weg, wie ein Schüler geduldig und mit Freude das Puzzle Stück für Stück erarbeitet hat, egal wie lange es gedauert hat.

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